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Militärwaffen aus Suhl


Am 15.09.2020 gab das Bundesministerium der Verteidigung bekannt, die Bundeswehr werde künftig mit dem von der Suhler Firma C.G. Haenel GmbH entwickelten „System Sturmgewehr Bundeswehr“ (MK 556) ausgerüstet werden.

Wenngleich diese Entscheidung in Medien und Öffentlichkeit wohl Erstaunen ausgelöst hat, so ist die Produktion von Militärwaffen in Suhl überhaupt keine Neuigkeit. Die Unterlagen des Staatsarchivs Meiningen belegen eindrucksvoll die Entwicklung, Produktion und Distribution von Waffen aller Art über einen Zeitraum von zweihundert Jahren. Bereits im Jahr 1898 wurde das „Gewehr 98“ beim preußischen Heer und kurz darauf auch in anderen Armeen des Deutschen Heeres (d.h. in den Landstreitkräften des Deutschen Kaiserreichs) als Standardwaffe der Infanterie sowie in Abwandlungen bei anderen Truppengattungen (Pioniere, Kavallerie) eingeführt.

Nach dem Ersten Weltkrieg reglementierten die Bestimmungen der Versailles Vertrages (Kapitel II. Bewaffnung, Munition, Material) für das Deutsche Reich detailliert den Besitz und die Herstellung von Kriegsmaterial. Artikel 168 bestimmte „die Anfertigung von Waffen, Munition und Kriegsgerät aller Art darf nur in Werkstätten und Fabriken stattfinden, deren Lage den Regierungen der alliierten und assoziierten Hauptmächte zur Kenntnisnahme mitgeteilt und von ihnen genehmigt worden ist. Diese Regierungen behalten sich vor, die Zahl der Werkstätten und Fabriken zu beschränken“.

In Suhler Waffenfabriken wurden verschiedene Varianten des Gewehrs 98 bzw. der kürzeren Version für die Kavallerie (Karabiner 98) entwickelt. Insgesamt durften die nun als „Reichswehr“ bezeichneten deutschen Streitkräfte 102.000 Stück Gewehre und Karabiner besitzen. Diese Bestimmungen wurden allerdings durch Politik und Militär vielfach unterlaufen. Produziert wurden diese und andere Militärwaffen von der Suhler Firma „Simson & Co“. Diese hatte 1925 mit der Reichswehr einen entsprechenden Monopolvertrag abgeschlossen und belieferte seitdem exklusiv das Militär, bis die jüdische Eigentümerfamilie Simson 1934 von den Nationalsozialisten aus dem Unternehmen gedrängt wurde. Dieses firmierte seitdem unter dem Namen „Berlin – Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke“ (BSW) und war fortan einer der Träger der nationalsozialistischen Aufrüstungspolitik.

Ein weiterer Akteur des Aufbaus und der Entwicklung einer leistungsfähigen Militärwaffenindustrie in Suhl war der Waffenkonstrukteur Hugo Schmeisser. Er ist Namensgeber der Maschinenpistole MP 40 („Schmeisser“), der Standard-Maschinenpistole der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Diese Waffe wurde u. a. von der Suhler Firma C. G. Haenel hergestellt. Die große Stückzahl der produzierten Waffen sowie der militärisch hohe Gebrauchswert ließen diese Waffe nach dem Krieg international zu einem Symbol nationalsozialistischer Gewalt werden (ähnlich der Maschinenpistole MP 5 von Heckler & Koch, welche die Terroristen der Rote Armeefraktion als Logo verwendeten).

Ab 1938 entwickelte Schmeisser für die Deutsche Wehrmacht einen ganz neuen Waffentypus, der nach verschiedenen Entwicklungsstufen seit 1943 an die Truppe ausgeliefert wurde und heute als „Sturmgewehr 44“ bekannt ist. Mit dieser, im Blechprägeverfahren gefertigten und für die massenhafte Ausrüstung der deutschen Truppen gedachten Waffe sollte der nationalsozialistische Krieg doch noch gewonnen werden. Daß es glücklicherweise anders kam, ist bekannt.

Die Firma C. G. Haenel (gegründet 1840 als C. G. Haenel Waffen- u. Fahrradfabrik Suhl) wurde 1945 durch die sowjetische Besatzungsmacht als eigenständiges Unternehmen aufgelöst und später Teil des DDR-Staatswirtschaftsbetriebes VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann“ (Suhl).

Hugo Schmeisser wurde im Oktober 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht zwangsweise zur Arbeit als Waffenkonstrukteur verpflichtet und im Oktober 1946 in die Sowjetunion verbracht. Er kehrte erst am 9. Juni 1952 wieder nach Suhl zurück.

Über diese Geschichte der Waffenindustrie in Suhl im Deutschen Bund, Deutschen Reich, Weimarer Republik und im NS-Staat, ihre Produkte und die Biografien deutscher Waffenkonstrukteure geben umfangreiche Unterlagen im Staatsarchiv Meiningen anschaulich Auskunft. Interessierte können sich über die Bestände (bspw. 4-94-1203 - Fa. C. G. Haenel Suhl) vorab im Archivportal Thüringen informieren und mittels Direktbenutzung selber Einsicht in das Archivgut nehmen.

 

Clemens Heitmann, Sören Holland-Nell

 

Literaturhinweis: Norbert Moczarski: Zwischen Tabu und Legende. Der weltbekannte Suhler Waffenkonstrukteur Hugo Schmeisser (1884–1953), Suhl 2009 [= Suhler Reihe Nr. 29]

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