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Provenienzforschung am Staatsarchiv Meiningen


Recherchen nach der Herkunft von Sammlungen in den Akten des Staatsarchivs Meiningen

vergilbtes Blatt aus einer Akte
Quelle: Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Meiningen, Bestand 4-99-031 Sammlung Betriebsgeschichte der Fahrzeug- und Jagdwaffenindustrie Suhl, Nr. 974, o. Bl.

Provenienzforschung im Staatsarchiv Meiningen

Das Museum für Deutsche Geschichte (MfDG) wurde 1952 gegründet und war bis zu seiner Auflösung 1990 das zentrale Geschichtsmuseum der DDR. Seinen Sitz hatte es ab 1953 im Berliner Zeughaus. Im Zuge der Deutschen Einheit 1990 wurden dessen Bestände an das Deutsche Historische Museum (DHM) übertragen. Unter den rund 450.000 MfDG-Objekten befinden sich auch zahlreiche, bei denen die Herkunft unbekannt oder ungeklärt ist, oder solche, bei denen zu vermuten ist, dass sie aus SBZ/DDR-spezifischen Enteignungskontexten stammen. Darunter fallen beispielsweise die Enteignungen von Schloss- und Gutsbesitzern im Rahmen der Bodenreform, der Entzug von Eigentum im Zusammenhang mit sogenannten „Wirtschaftsverbrechen“ in der frühen DDR oder auch in Verbindung mit dem fluchtartigen Verlassen der DDR.

Die Erforschung der Herkunft derartiger Objekte bildet einen Schwerpunkt der am DHM systematisch durchgeführten Provenienzforschung. Um diese Aufgabe angehen zu können, sind die Provenienzforschenden besonders auf die verschiedenen Archive und die dort verwahrte Überlieferung angewiesen. Diese Recherchen führten auch ins Staatsarchiv Meiningen.

Die Sammeltätigkeit des Museums für Deutsche Geschichte

Das MfDG sah sich nach seiner Gründung mit der Herausforderung konfrontiert, eine repräsentative Museumssammlung aufzubauen. Die Sammeltätigkeit des Museums erstreckte sich über die gesamte DDR. Zu diesem Zweck führten Mitarbeiter des Hauses, besonders in den 1950er-Jahren, diverse Reisen durch, die sie auch in den Süden Thüringens führten. Besonders der Kreis Bad Salzungen wurde häufiger durch die Museumsmitarbeiter aufgesucht. Unter anderem vermittelten örtliche Bürgermeister oder Kulturbundfunktionäre Kontakte zu den Einheimischen, die über potenziell interessante Museumsobjekte verfügen könnten. Das Museum kaufte diese anschließend an. Das MfDG wandte sich auch direkt an Betriebe in der Region, wie beispielsweise an den VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson in Suhl und bat um die Übersendung geeigneter Exponate. (siehe Abbildung oben)

Daneben erwarb das MfDG aber auch Objekte, deren Provenienz weniger leicht nachvollzogen werden kann oder deren Erwerbskontext auf einen Eigentumsentzug hindeutet. 1956 erhielt das MfDG einen größeren Bestand an historischen Tabakpfeifen und Rauchutensilien geschenkt. Laut Inventarbuch stammen sie aus dem „Staatlichen Eigentum, Bad Salzungen“.

Nach ersten Recherchen in den hauseigenen Quellen zeigte sich, dass sich die Pfeifen zuvor in der Verwahrung der „Abteilung Volkseigentum“ des Volkspolizei-Kreisamtes Bad Salzungen befanden, bevor sie 1956 ans MfDG übergeben wurden. Auch der Name eines Vorbesitzers ließ sich durch die im DHM vorhandene Objektdokumentation ermitteln. Die Schenkung aus dem „Staatlichen Eigentum“ und die Verbindung zur Volkspolizei deuten auf eine mögliche Enteignung in der DDR hin. Mit den vorliegenden Informationen konnte eine Anfrage an das Staatsarchiv Meiningen gestellt werden. Bei den Recherchen in der dort verwahrten Überlieferung des Bezirksgerichts Suhl (Bestand 4-51-3101) zeigte sich dann, dass gegen den Voreigentümer der Pfeifensammlung, der selbst Pfeifenfabrikant war, in den frühen 1950er-Jahren ein Verfahren wegen Sabotage und Wirtschaftsverbrechens geführt wurde. Die Anklage warf ihm Verstöße gegen den Befehl 160 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) und gegen die Wirtschaftsstrafverordnung von 1948 vor. Der Fabrikant wurde, zusammen mit zwei weiteren Beschuldigten, im Januar 1953 zu einer Zuchthausstrafe verurteilt, sein Vermögen wurde eingezogen. Besonders die Wirtschaftsstrafverordnung diente dem Aufbau der Planwirtschaft in der frühen DDR und gleichzeitig der Enteignung von privaten Unternehmern. Es liegt nahe zu vermuten, dass auch seine Pfeifensammlung enteignet, in Staatseigentum überführt und an das MfDG weitergeleitet wurde.

In einem weiteren Fall erfolgte die Recherche in der Überlieferung des Finanzamtes Suhl (Bestand 4-82-525), die sich ebenfalls im Staatsarchiv Meiningen befindet. Ende 1983 wurden im MfDG fünf historische Jagdgewehre inventarisiert. Eingeliefert hat die Gewehre der DDR-Außenhandelsbetrieb Kunst und Antiquitäten GmbH (KuA).

Dieser gehörte zum Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) und unterstand damit Alexander Schalck-Golodkowski, der gleichzeitig ein „Offizier im besonderen Einsatz“ des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) war. Die Aufgabe der KuA war es, Antiquitäten und Kunstobjekte für Devisen in die Bundesrepublik sowie generell ins nicht-sozialistische Ausland zu verkaufen. Die exportierten Objekte stammten nicht selten aus problematischen Quellen. Die KuA nutzte häufig manipulierte Steuerverfahren, um private Sammler zu kriminalisieren und sie durch die Auferlegung einer Steuerschuld zum Verkauf ihrer Sammlung zu bewegen oder diese direkt zu beschlagnahmen. Im Inventarbuch war neben der KuA noch eine weitere Vorprovenienz nachgewiesen: eine Suhler Privatsammlung. Hieraus ergab sich ein weiterer Anhaltspunkt für die Recherchen. In den Akten des Finanzamtes Suhl fanden sich Spuren eines Steuerverfahrens, das durch die Steuerfahndung in den 1970er-Jahren gegen einen Suhler Sammler angestrengt worden ist. Auch in diesem Fall wurde dem Sammler durch die Steuerbehörde eine hohe Steuerschuld aufgebürdet. Ob die Waffensammlung anschließend beschlagnahmt worden ist, oder ob der der Sammler gedrängt wurde, seine Sammlung zur Deckung der Schulden zu verkaufen, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Fest steht allerdings, dass fünf Gewehre aus der Sammlung, die sich nachweislich noch bis mindestens 1978 in Suhl befunden haben, 1983 über die KuA im Tausch ans MfDG gegeben worden sind.

Die durch die SBZ/DDR-spezifische Provenienzforschung am DHM gewonnenen Erkenntnisse dienen in der Hauptsache zur Klärung der Frage, ob die heute in den Museumssammlungen befindlichen Objekte rechtmäßig erworben worden sind. Das DHM ist bestrebt, die Herkunft der Objekte sowie die dahinterliegenden möglichen Enteignungstexte zu analysieren.

Christopher Jütte M. A.

 

Der Verfasser ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Provenienzforschung am Deutschen Historischen Museum, Berlin

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