Zur Hauptnavigation . Zum Seiteninhalt

Vor 100 Jahren: Auflösung der Länderbahnen im Deutschen Reich und Gründung der Reichsbahn


Im Jahr 2020 jährt sich die Gründung des Landes Thüringen zum einhundertsten Male und im Zuge der Auflösung der überkommenen monarchischen Ordnung und ihrer Institutionen wurden zahlreiche Einrichtungen der Länder und des Reiches neu geschaffen. Eine der bedeutendsten davon kannte und nutzte nahezu jeder Mensch in Deutschland bis in die jüngste Vergangenheit: die gesamtstaatliche Eisenbahn.

Spezialkarte
Eisenbahn- u. Postkarte von Thüringen, ca. 1900 -Am Vorabend des Ersten Weltkriegs hatte das normalspurige Eisenbahnnetz im Herzogtum Sachsen-Meiningen eine Streckenlänge von ca. 300 Kilometern. Daneben existierten noch zahlreiche normal- oder schmalspurige Nebenbahnen, die meist teilstaatlich waren (bspw. die 1885 eröffnete normalspurige Bahnstrecke Ludwigsstadt–Lehesten, welche von Sachsen-Meiningen finanziert und von der Bayerischen Staatsbahn gebaut und betrieben wurde).Abbildung: Landesarchiv Thüringen - Staatsarchiv Meiningen, 4-98-0510 – Spezialkarten zum Eisenbahnbau, Nr. 13

Die vormals auf dem Gebiet des heutigen Freistaats Thüringen gelegenen monarchischen Staaten (das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, die Herzogtümer Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg und Gotha und Sachsen-Meiningen, die Fürstentümer Reuß älterer Linie, Reuß jüngerer Linie, Schwarzburg-Rudolstadt sowie Schwarzburg-Sondershausen) verfügten am Ende des Ersten Weltkrieges über keine eigenen Staatsbahnen. Lediglich in Preußen, dem u. a. die thüringischen Städte Erfurt, Suhl und Schmalkalden gehörten, existierten mehrere Eisenbahngesellschaften, die sich im Eigentum oder unter der Verwaltung des Staates befanden. Die Haupt- und Nebenstrecken in den thüringischen Staaten aber befanden sich im Eigentum privater Gesellschaften oder außerthüringischer Staaten und waren entstanden auf der Grundlage von Verträgen zwischen den Staaten, die ihre Länder an die rasant entstehenden Eisenbahnnetze anschließen wollten.

So hatten das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach und die Herzogtümer Sachsen-Meiningen und Sachsen-Coburg und Gotha sich im Jahr 1841 auf eine Bahnlinie von Eisenach nach Coburg verständigt und dazu am 19. August 1840 den „Thüringischen Eisenbahnverein“ gegründet. 1858 stellte die private „Werra-Eisenbahn-Gesellschaft“ die Stecke durch das Werratal fertig, welche aber von Anfang an von der „Thüringischen Eisenbahn-Gesellschaft“ betrieben wurde. An dieser privaten Aktiengesellschaft waren u. a. das Königreich Preußen, das Großherzogtum Sachsen-Weimar, die Herzogtümer Sachsen-Coburg und Gotha, Sachsen-Meiningen, die Fürstentümer Schwarzburg Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen und Reuß jüngere Linie sowie die Städte Mühlhausen und Langensalza beteiligt. Wegen der großen Bedeutung der Bahnstrecken der Thüringischen Eisenbahn-Gesellschaft übernahm Preußen 1882 die Betriebsführung und Verwaltung und wurde schließlich 1886 sogar Eigentümer der Thüringischen Eisenbahn-Gesellschaft. 1895 wurde auch die „Werra-Eisenbahn-Gesellschaft“ von der Preußischen Staatsbahn übernommen und das Herzogtum Sachsen-Meiningen Sitz einer staatlichen preußischen Bahninspektion (zusätzlich zur preußischen Garnison in der Stadt).

Das bedeutendste Bahnprojekt der Thüringischen Eisenbahn-Gesellschaft aber war die sogenannte „Thüringer Bahn“ vom preußischen Halle nach dem kurhessischen Kassel. Das Vorhaben wurde 1841 mit einem Staatsvertrag zwischen dem Königreich Preußen, dem Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach und dem Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha vereinbart und zwischen 1846 und 1849 abschnittsweise in Betrieb genommen. Und die erste Bahnverbindung über den Thüringer Wald wurde in den 1880er Jahren mit der Strecke zwischen dem schwarzburgischen Plaue, dem preußischen Suhl und dem meiningischen Grimmenthal geschaffen.

Die Residenzstadt Meiningen war seit 1858 durch die Werra-Bahn von Eisenach nach Coburg an das Bahnnetz angebunden, in den 1870er Jahren kam der Anschluß an die Bahnstrecke Schweinfurt–Erfurt hinzu, womit Meiningen Knotenpunkt zweier bedeutender Bahnlinien wurde. Diese Eisenbahnstrukturen entsprachen den politischen Verhältnissen der Zeit, das Herzogtum Sachsen-Meiningen war Objekt bayerischer und preußischer Bahninteressen. Sichtbarer Ausdruck dessen ist der heute noch in Betrieb befindliche Bahnhof der früheren Residenzstadt. Dort gab es baulich und betrieblich voneinander getrennt einen Preußischen Bahnhof (für die Werrabahn von Eisenach nach Coburg) und einen Bayerischen Bahnhof als Endstation der Bahnstrecke Schweinfurt–Meiningen.

Nach dem Zusammenbruch der monarchischen Ordnung in Deutschland und der grundlegenden Neuordnung der politischen, wirtschaftlichen und administrativen Verhältnisse, wurde auch die Organisation der Eisenbahn restrukturiert. Die 1919 beschlossene Weimarer Verfassung hatte die entsprechende Gesetzgebungskompetenz dem Reich zugewiesen und zugleich den Übergang der bis dato bestehenden Staatseisenbahnen der Länder Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg auf das Reich verfügt. Diese vormaligen Länderbahnen wurden zunächst als „Deutsche Reichseisenbahnen“ bezeichnet, ab 1921 dann firmierten sie als „Deutsche Reichsbahn“ und wurden direkt durch das Reichsverkehrsministerium verwaltet. Erst im Zuge der Umsetzung des Dawes-Plans zur Regelung der Reparationszahlungen Deutschlands an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges erfolgte 1924 die Gründung der „Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft“, welche die reichseigene Bahn betrieb und deren Gewinne als Reparationen abzuführen hatte.

Sichtbarer Ausdruck der neuen Reichsbahnzeit war in der Stadt Meiningen die organisatorische und bauliche Vereinigung des preußischen mit dem bayerischen Bahnhof; zugleich wurde aus der staatlichen preußischen Bahninspektion das „Reichsbahnamt Meiningen“. Damit begann vor einhundert Jahren in Südthüringen die „Reichsbahnära“ – die formal erst 1993 endete, als die Deutsche Reichsbahn und die Deutsche Bundesbahn zur staatseigenen Deutsche Bahn AG vereinigt wurden.

Der Freistaat Thüringen in den sozialen Netzwerken: