Seitenbeginn . Zur Hauptnavigation . Zum Seiteninhalt

Weimarer Kammerakte als Weihnachtsgeschenk


Immer wieder werden Archive mit Lücken in der Ablieferung ihrer Bestände konfrontiert, die sie selbst nicht zu verantworten haben. Umso erfreulicher ist es, wenn diese mit dem Engagement von Vereinen und Privatpersonen zumindest etwas verringert werden können.

Untere Hälfte eines Briefes mit Unterschrift auf grau-blauem Umschlag der Akte mit Titel und Jahresangaben in Handschrift
Fotomontage mit Titelblatt der Kammerakte und Ausschnitt aus einem Brief René François Le Goullons (Foto: G. Krynitzki)

Im Vergleich mit staatlichen Archiven in anderen Bundesländern verfügt das Hauptstaatsarchiv Weimar noch nicht über einen Freundeskreis, der sein Wirken unterstützt. Umso höher ist es deshalb anzuerkennen, dass der Freundeskreis des Goethe-Nationalmuseums e. V. in Weimar dem Hauptstaatsarchiv eine bei der Weimarer Kammer bzw. dem Staatsministerium, Departement der Finanzen von 1810 bis 1826 sowie 1845, 1848 und 1854 geführte Akte – quasi als Weihnachtsgabe – in dankenswerter Weise vor dem Jahresende großzügig zum Geschenk machte.

In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass bereits 2006 vom Freundeskreis als Dauerleihgabe eine Bronzebüste von Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach (1818-1901) übernommen worden war, die im Dienstgebäude Beethovenplatz 3 an markanter Stelle eine würdige Aufnahme gefunden hat.

Netzwerk einer thüringischen Residenzstadt

Die Akte, die der Freundeskreis von einem Antiquitätenhändler erwerben konnte, betrifft vorrangig die Begleichung von Ausgaben für das in der Zeit von 1810 bis 1813 in herrschaftlichen Häusern in Weimar einquartierte Militär. Sie vermittelt so einen kleinen Einblick in die Zeit- und Wohnverhältnisse während der napoleonischen Ära in der thüringischen Residenzstadt sowie in Aspekte der Tätigkeit und Überlieferungsgeschichte von Unterlagen weimarischer Finanzbehörden. Der Umfang des Bandes beträgt noch 138 beschriebene Blätter, da ca. 25 Blätter entnommen wurden, was an der lückenhaften Altfoliierung erkennbar ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um Blätter mit Autographen Weimarer Persönlichkeiten – mithin Zeitgenossen von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) – bzw. Siegeln.

Zum Glück war man dabei nicht sehr „konsequent“, da die Akte – abgesehen vom Kammerpersonal – z. B. noch Schreiben mit den Unterschriften von Herzog Carl August von Sachsen-Weimar und Eisenach (1757-1828), Goethes Schwager Christian August Vulpius (1762-1827) oder Gartenbauinspektor Johann Christoph Gottlob Weise (1762-1840) enthält. Ferner seien Schreiben von dem aus Metz stammenden Gastwirt René François Le Goullon (1757-1839) angeführt, der als Besitzer des Weimarer „Hotel de Saxe“ in Bezug auf bestimmte Häuser die Verpflegung übernommen hatte und sich später noch um die Erstattung von Kosten bemühte.

Akte auf Abwegen?

Wann und wie die Akte in der Behörde „abhanden“ kam, ist bisher nicht nachvollziehbar. Ebenso sind keine Merkmale zu einer vorgenommenen Endarchivierung vorhanden. Lediglich die Registratursignatur „Sectio. I. Locat: 35. Rep: no: 48“ verweist darauf, dass der Vorgang den Generalia (= Sectio. I) zugeordnet war. Nach der Schließung der Akte im Jahre 1854 verblieb sie wahrscheinlich noch in der Registratur des Departements der Finanzen, da sie sonst sicherlich in einen relevanten Pertinenzbestand des Geheimen Haupt- und Staatsarchivs eingeordnet worden wäre.

Zudem kann die spätere Abgabe an das Archiv ausgeschlossen werden, da die Akte dann in einen jener Bestände (Kammer Weimar bzw. Staatsministerium, Departement der Finanzen) des Staatsarchivs Weimar gekommen wäre, die sich schließlich aus Platzgründen in dessen Zweigstelle in Bad Sulza befanden. Dort wurden sie am 13. April 1945 durch ein Feuer vollständig vernichtet, so dass die Akten der später „neu“ gebildeten Bestände Kammer Weimar bzw. Staatsministerium, Departement der Finanzen aus Behördenablieferungen stammen, die fast vollständig erst nach Kriegsende in das Archiv gelangten.

Dies ist bei der Kammerüberlieferung umso tragischer, da es diesbezüglich bereits 1618 und 1774 bei den Weimarer Schlossbränden erhebliche Verluste gegeben hat. Nicht zuletzt deshalb ist die Gabe eine wichtige und interessante Bereicherung für die Überlieferung im Hauptstaatsarchiv Weimar und für potentielle Nutzer.

Frank Boblenz

Der Freistaat Thüringen in den sozialen Netzwerken: